
Deutsche Einsatzkräfte Humanitäre Hilfe Südostasien
(DtEinsKr Hum Hi SOA)
Das am 26. Dezember 2004 ein Seebeben vor der Küste von Sumatra (Indonesien) einen Tsunami ausgelöst hat, der hunderttausenden von Menschen den Tod brachte, ist niemandem entgangen. Eine Katastrophe, bei der natürlich auch die Bundeswehr gefragt ist. Noch am gleichen Tag wird die Alarmstufe für den "MedEvac" - Airbus (eine fliegende Intensivstation) erhöht.
Am 28. Dezember startet der MedEvac erstmals und holt verletzte Touristen aus Phuket in Thailand ab. Es folgt ein zweiter Airbus der Luftwaffe ohne medizinische Ausrüstung mit dem Ziel Bangkok.
Am 30. Dezember ist die Maschine zurück und wird anschließend ebenfalls in einen MedEvac umgerüstet.
Der Verteidigungsminister befiehlt die Entsendung des "Einsatzgruppenversorgers (EGV) BERLIN". Das Schiff befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Einsatz am Horn von Afrika und kann daher binnen weniger Tage das befohlene neue Einsatzgebiet erreichen. Aufgabe des größten und modernsten Versorgungsschiffes der Bundeswehr ist die Unterstützung des luftbeweglichen Rettungszentrums, welches die Bundeswehr auf Sumatra errichtet. Das Erkundungskommando von neun Mann für dieses Rettungszentrum fliegt am 01. Januar 2005 ab.
Am 05. Januar folgt ein Vorkommando von 50 Mann dem Erkundungskommando. Ziel: Die Region Aceh im äußersten Norden von Sumatra. Zu diesem Zeitpunkt sind 120 Soldaten für das Rettungszentrum in Banda Aceh geplant. Sie gehören mit Masse dem "Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst (KSES)" in Leer an.
Am 06. Januar macht der EGV "Berlin" im indischen Cochin fest. Weitere Soldaten, die von dem Airbus mit dem Vorauskommando hier abgesetzt wurden, gehen an Bord. Darüber hinaus übernimmt das Schiff Vorräte und zivile Hilfsgüter zum Weitertransport.
Was die Soldaten zu sehen bekommen, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Über 106.000 Menschen fanden bei der Flutwelle den Tod, 13.000 gelten noch als vermisst und über 700.000 sind obdachlos geworden. Weite Teile Banda Acehs stehen noch immer unter Wasser und täglich kommen durch den Monsunregen neue Wassermassen hinzu.



Dabei beträgt die Tagestemperatur mehr als 30°C. Verwesende Leichen, Hitze und Wasserpfützen verwandeln ganze Landstriche zu idealen Brutplätzen für Krankheitserreger. Die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen, alles von Schlamm überzogen.

Die Großraumtransporter vom Typ Antonow und Iljuschin können das 350 Tonnen schwere Gerät des mobilen Rettungszentrums aber nur in das 700 km entfernte Medan bringen, da der Flugplatz in Banda Aceh für diese Maschinen zu klein ist. In zeitraubenden KFZ-Märschen wird das Material entlang der zerstörten Küste mittels der mitgebrachten 10-Tonner nach Banda Aceh gebracht.
Aber wenn es dann erst mal da ist, dann steht so ein mobiles Rettungszentrum nicht nur innerhalb 13 Stunden. Seine Einrichtung entspricht dem eines kleinen Krankenhauses. Es bietet Platz für 22 Patienten, zwei Überwachungs- und zwei Intensivplätze.
Von Notaufnahme bis Intensivpflege über Labor und Apotheke ist alles notwendige vorhanden, um schnelle medizinische Hilfe bis hin zu chirurgischen Eingriffen und die postoperative Pflege leisten zu können.
Am 10. Januar stehen die ersten Zelte und die Ärzte beginnen mit der Behandlung Verletzter sowie Schutzimpfungen. Am 12. Januar nimmt die Notfallambulanz des Rettungszentrums seine Tätigkeit auf. Am 13. Januar trifft der EGV "Berlin" vor der Küste von Banda Aceh ein und unterstützt ab sofort mit seinen Einrichtungen und Personal die Hilfsmaßnahmen. Wegen der durch das Seebeben möglicherweise verschobenen Untiefen ankert die "Berlin" fünf Meilen vor der Küste.
Es gibt immer wieder Verletzungsmuster, die auch im mobilen Rettungszentrum nicht adäquat behandelt werden können. So führen die beiden "Sea King" - Hubschrauber der Berlin neben Erkundungs- und Versorgungsflügen vor allem MedEvac-Flüge - also medizinische Evakuierungsflüge - zur Verlegung von Patienten in das Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) an Bord der Berlin durch. Nach fünf bis zehn Tagen sind die Patienten dann so weit hergestellt, dass sie zur Weiterbehandlung wieder an Land verlegt werden können.
Am 17. Januar wird das Landkontingent auf 150 Soldaten aufgestockt. Zusammen mit der Besatzung der Berlin sind damit 380 Soldaten im Einsatz.
Bis 01. Februar leisteten die Ärzte und Sanitäter der Bundeswehr
- 1000 ambulante und stationäre Behandlungen
- 72 Operationen, darunter zwei Geburten per Kaiserschnitt
- 1000 Impfungen
- 20 MedEvac Einsätze
Dies alles im übrigen in einem Gebiet, welches nicht nur von der Katastrophe gezeichnet ist, sondern in dem auch noch Bürgerkrieg herrscht. Seit über 30 Jahren kämpfen Aufständische um einen unabhängigen islamischen Staat in der überwiegend islamisch geprägten Provinz Aceh. Vor der Katastrophe war die Provinz deshalb abgeriegelt und stand unter Kriegsrecht. Auch nach der Katastrophe sieht die Regierung in Jakarta die ausländischen Soldaten nur ungern in der Region und hat deren Präsenz auf vorerst drei Monate sowie deren Bewegungsfreiheit beschränkt. Gegenüber dem Bundesaussenminister wurde diese Aussage allerdings relativiert. Für die reinen Sanitätskräfte der Bundeswehr gelte die Einschränkung nicht. (Neben Deutschland sind Soldaten der USA, Malaysia, Australien und Japan mit Hilfsmaßnahmen vor Ort beschäftigt.) Allerdings diene die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Sicherheit der Soldaten; auch wenn es mit dem Waffenstillstandsangebot der Rebellen, welches diese wegen der Katastrophe unterbreiteten, nun einen "ersten Silberstreif am Horizont" gäbe und die Regierung ein Versöhnungsabkommen mit den Rebellen anstrebe.
Große Probleme bereitet weiterhin die zerstörte Infrastruktur. Vor allem die durch die Flutwellen zerstörten Verkehrswege müssen dringen wiederhergestellt werden, da dies Voraussetzung für die Verteilung von Hilfsgütern ist. Mit der Unterstützung ziviler Hilfsorganisationen setzt das indonesische Militär jetzt schweres Pioniergerät ein. Weiteres Problem ist die Zerstörung der Seewege. Seewege? Ja, denn das Beben hat Verwerfungen des Meeresbodens hervorgerufen und die Flutwelle Küstenlinien verändert. Nichts stimmt mehr und derzeit sind zwei Vermessungsschiffe der USA dabei das Gebiet neu zu vermessen und neue Seekarten anzufertigen.
Die Eindrücke dieses Einsatzes, nicht nur der Hilfe bedürfenden Menschen sondern vor allem der Not und der immer noch täglich auftauchenden Leichen, gehen an den Soldaten nicht spurlos vorüber. Trotz der Betreuungsmaßnahmen, Militärgeistlichen und Psychologen vor Ort, hat die Bundeswehrführung daher entschieden, einen Personalwechsel durchzuführen. Voraussichtlich Mitte Februar werden die Soldaten an Land und das medizinische Personal des MERZ ausgetauscht werden. Die Stammbesatzung der "Berlin" aber wird vor Ort bleiben, bis Ende März das mobile Rettungszentrum abgebaut und die Hilfsmaßnahmen beendet werden.
Quellenangaben:
Zeitschrift "Loyal"
www.bundeswehr.de
www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de
www.netzeitung.de
www.welt.de
www.spiegel.de