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April 2005


Heißer Sommer in Afghanistan



Verbrennung von Drogen Mit einer einstimmig verabschiedeten Resolution zur Vernichtung aller Schlafmohnfelder in Afghanistan ist im Dezember 2004 in Kabul die nationale Anti-Drogen-Konferenz beendet worden. Mit internationaler Unterstützung will Afghanistan gegen die Drogen-Kartelle vorgehen. Zwar gehört die Drogenbekämpfung weiterhin nicht zum Aufgabengebiet der Deutschen Kontingente der ISAF. Aber deren Stationierungsgebiete liegen im Nordosten des Landes; mitten in den Mohnanbaugebieten. Die Vernichtung von Drogenfeldern dürfte daher auch die Sicherheitslage der Bundeswehr in Afghanistan radikal verschlechtern.

Mittelbar sind die Soldaten allein schon deshalb beteiligt, weil sie "Lead Nation" für den Aufbau der afghanischen Polizei sind; deren Aufgabe im Schwerpunkt die Durchsetzung der nationalen afghanischen Drogenkontrollstrategie ist. Gemeinsam mit der "Lead Nation" für die Drogenbekämpfung - Großbritannien - verfolgen die afghanischen Behörden vier Ziele:

Drogenanbau in Afghanistan Diese Ziele verfolgen sie aber nicht erst seit diesem Frühjahr sondern bereits seit Mai 2003. Gleichwohl ist Afghanistan nach dem Drogenbericht des United Nations Office on Drugs an Crime (UNODC) wieder zum größten Drogenanbaugebiet der Welt geworden. Auf inzwischen 131.000 Hektar wurden 4.200 Tonnen Opium produziert. Das entspricht 87 % des Weltmarktvolumens. Die Angaben über den Erlös schwanken zwischen 600 Mio. und 2,8 Mrd. US-Dollar. Auf jeden Fall aber bescheeren die Gewinne den Bauern das fünf bis zehnfache dessen, was sie mit dem Anbau anderer Pflanzen erwirtschaften könnten. Hinzu kommt, dass die anspruchslose Schlafmohnpflanze den kargen Bedingungen des Landes nahezu ideal angepasst ist. Sie braucht wenig Wasser und wächst beinahe überall.

Großes MohnfeldSafran, Rosenöl, Honigmelonen oder Wildreis, die von der Regierung als Alternativen benannt werden, sind weitaus anspruchsvoller und längst nicht so profitabel. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Bauern aufgrund der Verminung von Anbauflächen gezwungen sind ihr Familieneinkommen aus kleineren Flächen zu erwirtschaften und das Gros der Bevölkerung den Drogenanbau auch nicht als illegal und unmoralisch begreift. Der Drogenanbau in Afghanistan ist kein Geschäft weniger Krimineller, sondern durchwebt die gesamte Gesellschaft. Geschäftsleute handeln gleichzeitig mit Teppichen, Stoffen, Reifen, Elektrogeräten, Weizen und Drogen.

1979 gewann mit dem Ausbruch des Afghanistankrieges der Drogenanbau erstmals an Bedeutung. Die Ausfuhr diente damals zur Finanzierung der Mudschaheddin. Nach Abzug der sowjetischen Truppen 1988 erlebte das Land unter den sich zahlreich etablierenden Warlords einen rasanten Anstieg des Opiumanbaus; der unter den Taliban zunächst weiter ging und sich vom reinen Anbau zur Herstellung von Heroin in Laboratorien entwickelte. Im Jahr 2000 vollzogen die Taliban eine rätselhafte Kehrtwendung und verboten den Anbau unter Androhung drakonischer Strafen. Tatsächlich gelang ihnen im Jahr 2001 eine drastische Verringerung des Anbaus und der Vermarktung. Mit der Vertreibung der Taliban drehte sich das Blatt wieder.

Mohnbauer Obwohl sich erste Großhändlerstrukturen gebildet haben und der Anteil der Bauern am Gewinn bei wohl nur 1 % liegt, verdienen viele Menschen in Afghanistan ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau und Handel der Drogen bzw. Rohstoffe. Das meiste wird immer noch von Kleinhändlern umgeschlagen und auch Milizen und Kriegsfürsten verdienen an dem Anbau. Denn die Bauern zahlen ihnen einen zehnprozentige Abgabe für die Bewachung der Felder und auch die Händler zahlen ihnen Geld für den Zugang zu den Dörfern. Selbst landlose Bauern pachten Äcker von Grundbesitzern und können so das Auskommen ihrer Familien sichern, während die Alternativen und Ersatzzahlungen der Regierung nicht zum Leben reichen. Nicht zuletzt wird sogar den staatlichen Akteuren immer wieder nachgesagt, selbst an den Drogengeschäften zu verdienen.
Während in Afghanistan selbst die Drogenwirtschaft kaum Probleme schafft, ist die Anzahl der Drogenabhängigen in den Nachbarstaaten sprunghaft angestiegen. Dennoch sind diese Länder mehr Transitländer. Das große Geld wird in Europa und den USA verdient. Hier müßte eigentlich die Nachfrage bekämpft werden.
Statt dessen fordern vor allem USA ein radikales Vorgehen gegen den Anbau im Lande selbst und stellen im laufenden Jahr 780 Mio. Dollar - allein 300 für Vernichtungsaktionen - in Aussicht. Sie plädierten für großangelegte Pestizidbesprühungen, die aber durch die nachhaltige Bodenvergiftung den Bauern endgültig die Lebensgrundlage entzogen hätte. Deshalb wehrte sich dagegen selbst der Regierungschef von Afghanistan, Hamid Karzai, der sonst den Krieg gegen die Drogen wie kein anderer vorantreibt. Er bezeichnet den Drogenanbau inzwischen als "größtes Entwicklungshemmnis" und "größere Bedrohung als Terrorismus, Kriegsherren und den sowjetischen Einmarsch 1979". Bisher verfolgte er zusammen mit den Europäern eine gemäßigtere Überzeugungstaktik. Erst wenn Kompensation, Aufklärung und der geförderte Einsatz von Anbaualternativen keine Wirkung zeigen, sollten härtere Maßnahmen folgen.

Dieses Jahr scheint es nun so weit zu sein. Hamid Karzai hat den "heiligen Krieg" gegen die Drogen ausgerufen. Dazu wurde eine Anti-Drogen-Polizei neu aufgestellt, die mit Unterstützung von amerikanischen und britischen Spezialeinheiten sowie privaten Söldnerdiensten landesweite Operationen wie das Abbrennen von Mohnfeldern und die Zerstörung von Laboren durchführen soll. Und mittendrin - wie etwa in Faizabad in der Provinz Badachschan - sitzen die Soldaten der Bundeswehr.
Der "Shahr-e-Kona2, der alten Basar der Stadt und Hauptdrogenhandelsplatz der Region, wird von einem Mann Namens Mohammed Nazir kontrolliert. Die Bauern zahlen an ihn Steuern, die Schmuggler Wegezoll. Gleichzeitig ist der Mann aber der lokale General der Regierungstruppen und finanziert von seinen Einnahmen die offiziell 150 Soldaten seiner Truppe. Inoffiziell ist bekannt, dass er jederzeit mehrere hundert Männer mobilisieren könnte. Milizen von ihm schuetzen das Feldlager der Bundeswehr am Flugplatz von Faizabad. General Nazir ist den Deutschen gegenüber freundlich und heißt sie willkommen. Kommt die Rede allerdings auf die geplante Vernichtung der Mohnfelder, verfinstert sich seine Miene. "Wenn die Mohnfelder brennen, kann selbst ich nicht mehr für die Sicherheit der Deutschen garantieren", sagt er.
Die offiziellen Stellen der Bundeswehr schweigen zu der latenten Bedrohung. Inoffiziell heißt es das die Bundeswehr sich nicht lange halten könnte, wenn es hart auf hart käme und ein anderer nimmt gar das Wort des "Himmelfahrtskommandos" in den Mund. Die Gefahr wird auch im Verteidigungsministerium ernst genommen. Es wurde Anweisung gegeben die Sicherheitsmaßnahmen im Feldlager zu verschärfen und demnächst sollen wohl KSK-Einheiten zum Schutz in das Gebiet verlegt werden. Weiterhin 150 Mann der neuen Afghan National Army.

Der verschärfte Kampf gegen den Drogenanbau birgt also große Risiken. Neben der Gefahr durch die Drogenkartelle könnte auch in der Bevölkerung selbst schnell der Unmut wachsen, der sich dann auch gegen die Soldaten richten würde, die als Helfer der Drogenbekämpfer wahrgenommen würden. Zusätzliches Dilemma bei einem Erfolg der Anbaubekämpfung wäre gerade die Verknappung des Angebotes. Dieses würde nämlich die Marktpreise ansteigen lassen und damit den Anbau noch lukrativer machen.

Erfolgversprechender wäre eine Reduzierung der Nachfrage in den Abnehmerländern und eine Unterbrechung der Nachschubwege. Während im Lande selbst die Gewinnung der lokalen Anführer im Vordergrund stehen sollte. So gelang es Hamid Karzai jüngst, die Autoritäten in der Provinz Nangahar unter der Zusagen von Entwicklungshilfe dazu zu bringen, ein Verbot des Drogenanbaus auszusprechen. Die Frage aber bleibt, ob das Verbot auch durchgesetzt werden kann und selbst wenn, dann ist es in Afghanistan noch immer so gewesen, dass was an einer Stelle gelingt, woanders längst nicht so kommen muss.

Für unsere Soldaten jedoch kann nur gehofft werden, dass der Sommer nicht so heiß wird, wie er sich derzeit ankündigt.

Quellenangaben:
Reservistenverband - Zeitschrift "Loyal"
Bundeswehr - Zeitschrift "Y."
United Nations Office on Drugs an Crime
www.afghanmania.de
www.qantara.de
Gesellschaft für bedrohte Völker